Smarthome

23.04.2024
Volker Richert

Neue Wege des intelligenten Wohnens

Die fortschreitende Digitalisierung führt zu immer mehr smarten Geräten und zu neuen Geschäftsmodellen. Die Frage ist, wie sie zu integrieren sind, um unter anderem Energieeffizienz und Komfortgewinne zugleich zu realisieren.

Die meisten intelligenten Haussysteme versprechen inzwischen nicht nur den Alltag im Haushalt zu erleichtern, sondern auch Energieeinsparungen mit sich zu bringen. Nicht zuletzt die Folgen der Energiekrise haben dazu geführt, die Komfortgewinne der Smarthome-Lösungen – mit deren umfangreichen, stromfressenden Sensorik – zugleich auf Energieeffizienz zu trimmen. Heute ist für die meisten Smarthome-Anbieter klar, dass beim smarten Wohnen beides, Komfortgewinn und Energieeffizienz, Hand in Hand gehen müssen. Konkret heisst das, die Abläufe der Smart-Living-Konzepte hinsichtlich der Energieeffizienz speziell zu planen und implementieren, also zu automatisieren.

 

Laut dem Aargauer Energieversorger Eniwa, der seit 2021 mit «Livina» auf ein eigenes funkbasiertes Smarthome-Produkt setzt, hat die fortschreitende Digitalisierung zu immer mehr smarten Geräten in den Haushalten geführt. So stelle sich für viele Benutzer «früher oder später die Frage, wie diese Geräte miteinander verknüpft werden können», führt Patrick Albicker aus, der als Verkaufsberater und Kundensupporter für Livina Smarthome bei Eniwa im Einsatz ist. Er weiss, dass die Kundenbedürfnisse von Energiesparmöglichkeiten über Komfortsteigerungen bis hin zur Sicherheit und digitalen Hilfsdiensten reichen.

 

Dabei gebe es keine besondere Anspruchsgruppe: «Wir erhalten Anfragen von technikaffinen und weniger technikaffinen Nutzern, Familien, Singles und von Seniorinnen und Senioren», so Albicker weiter. Die häufigsten Anwendungen betreffen die Bereiche Beleuchtung, Heizung, Storen, Sicherheit und Entertainment, schiebt er nach und verweist auf Multi-Room-Soundsysteme, etwa das von Sonos, oder elektrische Jalousien und smarte Leuchtmittel wie Philips Hue. «In der Regel starten Kundinnen und Kunden mit einfachen Anwendungen und erweitern diese laufend.» So könne dann beispielsweise auch mit Livina «jede gewünschte Komponente durch einzeln definierte Szenen wie ‹Ausser Haus› oder durch Regeln einfach und individuell» implementiert werden, um dann jederzeit und von überall einfach per App beispielsweise die Beleuchtung zu bedienen oder die Bodenheizung zu regeln.

 

Schnittstellen

Bei der ZHAW School of Management and Law (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) kategorisieren Angela Zeier Röschmann und Raphael Iten die aktuellen Smarthome-Themenbereiche in Komfort, Sicherheit, Gesundheit und Energie. Die Professorin ist Co-Leiterin des Instituts für Risk & Insurance und forscht zu neuen Geschäftsmodellen im Versicherungswesen, während Iten an ihrem Institut seine Doktorarbeit zum Thema Risikotransformation im Smarthome verfasst. Die beiden halten jedoch fest, dass sich das vermarktete Leistungsversprechen sowie konkrete Dienstleistungen je nach Thema und adressierten Personenkreis unterscheiden. Ziele das Thema Gesundheit eher auf ältere Menschen, so stehen beim Energiethema eher die Hauseigentümerschaft im Fokus. «Ganz allgemein gilt, genutzt werden Smarthome-Angebote dann, wenn ein klarer Nutzen ersichtlich und die Benutzung einfach ist, die Technologie problemlos funktioniert und die gängigen Risiken zur Sicherheit und Datenschutz adressiert werden – und es sollte schon auch ein bisschen Spass machen», erklären die Forscher. Zwar könne der «Fun-Faktor» vor allem am Anfang das Interesse erhöhen, langfristig sollte sich jedoch der Nutzen in den jeweiligen Themenfeldern entfalten.

 

Interessant ist zudem der Hinweis von Röschmann und Iten, dass sich der Smarthome-­Einsatz von Land zu Land unterscheide. Wo sich welche Produkte und Themen durchsetzen, sehe jeweils anders aus. Ausgereifte Smarthome-Märkte fänden sich im angelsächsischen Raum sowie in Korea respektive Japan und Skandinavien. «Angelsächsische Haushalte nutzen relativ gesehen am meisten Sicherheitsprodukte, koreanische, japanische Haushalte haben am meisten vernetzte Haushaltsgeräte und Skandinavien geht mit gutem Beispiel bei Energiethemen voran.» In der Schweiz und Deutschland werde im Vergleich dazu stärker in ganzheitliche Automationslösungen investiert, fügen sie an.

 

Doch zurück zu den ZHAW-Forschungen. Dort hat man nicht nur die Potenziale des vernetzten Wohnens unter anderem im Alter untersucht, sondern adressiert gerade auch die Risikotransformation, Risikowahrnehmung und das Risikomanagement im Bereich Smarthome (siehe Kasten). So weisen Röschmann und Iten denn auch darauf hin, dass sich mit dem intelligenten Alltagsleben die bestehende Risikolandschaft zuhause fundamental verändert: «Neue Risiken entstehen – offensichtlich sind hier Cyber- und Datenschutz, aber Smarthome kann beispielsweise auch zu neuen Risiken bezüglich Abhängigkeiten führen. Bei den Sach- und Gesundheitsrisiken hingegen wird erwartet, dass Smarthome bestehende Risiken reduzieren kann.» Weiter halten sie fest, dass auf Anwenderseite Datenschutz- und Kostenbedenken in den Vordergrund gerückt seien, die es richtig zu adressieren gelte. Zudem sei «ein weiterer wichtiger Faktor die Einfachheit der Handhabung. Nur wenn Produkte einfach anzuwenden sind und die Unterhaltskosten oder -aufwände gering sind, hat dies einen nachhaltigen Effekt auf Risiken».

 

Und weil Smarthome-Angebote sehr vielfältig seien, schlummere hier eben auch entsprechend vielfältiges Potenzial. Spannend werde es dann, wenn diese neuen Technologien auch an Schnittstellen zu anderen Industrien neue Möglichkeiten schaffen, so die ZHAW-Forschenden. Sie verweisen beispielsweise auf die Hausratsversicherung in einem Smart­home. Heute wären es primär Versicherer in den USA, die als aktive Smarthome-­Player am Markt auftreten und smarte Produkte im Bereich der Sicherheit finanzieren. So sollen beispielsweise Wasserschäden früher erkannt oder sogar ganz verhindert werden, illustrieren Röschmann und Iten solche neuen Geschäftsmodelle. Profitieren die einen von Rabatten auf die Prämie oder bei Anschaffung von intelligenten Geräten, kann die Versicherung die Schadenaufwendungen reduzieren. Dies sei nur ein konkretes Beispiel, an welchem am Institut für Risk & Insurance der ZHAW geforscht werde. Vergleichbare Partnerschaften und spannende Innovationen treten aber auch an weiteren Schnittstellen auf. So habe man aktuell zum Potenzial von Smarthome für aktives und gesundes Altern eine Studie vorgelegt.

 

Lösungen via Funk

Aufschlussreich ist, dass die Basis für die von den Forschern anvisierte Ausbauten des intelligenten Wohnumfeldes in der Praxis angekommen zu sein scheinen. Jedenfalls betont der regionale Energieversorger Eniwa, sein «Livina Smarthome» mit einem breiten Dienstleistungsportfolio zu einer gesamtheitlichen Lösung weiterentwickelt zu haben. Das könne in jedem modernen Haus eingesetzt werden, so Albicker. Dabei verbinde sich Livina über gängige Funktechnologien wie WLAN, Zigbee oder Z-Wave mit den Smarthome-Geräten und werde dann per App vom Smartphone oder Tablet aus auch über Sprachbefehle bedient. Zwar biete Eniwa die Einrichtung des Systems auch als Dienstleistung an, doch ein «Vorteil unseres Systems ist, dass die Kunden einen Grossteil der Einrichtung selbst vornehmen können und so Kosten sparen», schiebt er nach. Ein Plus sei dies, weil sich durch die Digitalisierung auch weniger technikaffinen Nutzern neue Möglichkeiten erschliessen. Livina trumpfe hier mit seiner benutzerfreundlichen und intuitiven Anwendung.

 

Hinzu komme, dass Funk-basierte Systeme bekanntlich auch in bestehende Elektroinstallationen einfach integriert werden können. «Weil keine zusätzlichen Kabel eingezogen werden müssen, ist unsere Lösung auch in einer Mietwohnung oder einem älteren Gebäude problemlos installierbar». Im Neubau erfolge die Elektroplanung in klassischer Art und Weise und Livina sei für jeden Elektroinstallateur ohne zusätzliche Ausbildung oder Kenntnisse einsetzbar.

 

Dabei, so Albicker weiter, muss sich wegen der Unterstützung von offenen Funkstandards bei Livina niemand für einen einzelnen Hersteller entscheiden. Vielmehr sei das System dank der Nutzung aktueller Technologien mit unterschiedlichsten Produkten kompatibel. Weiter spricht der Spezialist noch das Thema Transparenz an. Dafür werde man demnächst einen «Smart Meter Reader» lancieren. «Mit dem sieht man den aktuellen Verbrauch zum Zeitpunkt der Entstehung direkt am Stromzähler. Die Livina-App visualisiert und analysiert den Verbrauch», so Albicker: «Dank dieser Informationen sieht man Energiesparmöglichkeiten und erkennt Anomalien.»

 

Die Zukunft

Wie in der ZHAW-Studie zum intelligenten Wohnen im Alter sieht man auch bei Eniwa in diesen Bereich «ein sehr grosses Potenzial». Denn es sei ein Wunsch vieler älter werdenden Menschen, lange in ihren vertrauten vier Wänden zu bleiben. «Die digitalen Helferdienste von Livina-Fürsorge geben Angehörigen ein gutes Gefühl, wenn sie wissen, dass die digitalen Helferdienste wie zum Beispiel Bewegungs- und Tür-Sensoren merken, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wenn lange keine Aktivitäten mehr beobachtet wurden, erhält die Kontaktperson eine Push-Meldung auf ihrem Smartphone», führt Albicker aus.

 

Aber auch in den angestammten Bereichen Wohnen und Haushaltgeräte schlummere noch grosses Potenzial, hält er fest: «Heute sind Geräte zunehmend mit Konnektivität ausgestattet, funktionieren aber in der Regel noch autonom. Mit zunehmender Integration können Geräte aufeinander abgestimmt werden.» Man werde also informiert, wenn zu später Stunde das Licht im Schlafzimmer ausgeschaltet wird und der Herd noch läuft, oder wenn beim Verlassen der Wohnung ungewollt noch ein Fenster offensteht.

 

Zudem sei neben der Energieeffizienz auch der Zeitpunkt des Energiebedarfs zunehmend von Relevanz. In Zukunft gibt es vermehrt Zeiten mit viel erneuerbarer Energie und tiefen Energiepreisen und gleichzeitig auch viele Zeiten mit knapper Energie und teuren Preisen. Mit einem Smarthome-System können flexible Verbraucher wie zum Beispiel Elektroladestationen, Wärmepumpen, Boiler und Speicher auf solche Signale reagieren und mithelfen, das elektrische Energiesystem auszubalancieren.

 

Bei alledem, so Albicker weiter, gewinne das Zauberwort «Automation» an Bedeutung. Denn die Technologie übernimmt Aufgaben vom Menschen, ohne dass der noch selbst eingreifen müsse. In diesem Zusammenhang verweist er auch auf den Bereich Künstliche Intelligenz (KI), die derzeit zwar noch keine Rolle spielt, doch «rasch Einzug halten wird in Smarthome-Systeme». Noch viel mehr verschiedene Wohn- und Alltagssituationen liessen sich via KI erkennen, um so noch besser auf individuelle Gegebenheiten reagieren zu können. Und «KI wird automatisch Regeln vorschlagen und macht das Einrichten von Regeln überflüssig. Der Mensch wird die gemachten Vorschläge nur noch akzeptieren oder ablehnen müssen», so der Eniwa-Mann.

Nach diesen Ausführungen verwundert es nicht, dass Albicker als Smarthome-Wachstumsfeld Gesamtlösungen für das intelligente Wohnen sieht: «Die Kunden wollen die Integrationsherausforderungen nicht selbst lösen und suchen einfache, offene Lösungen. Deshalb ist es unser Ziel, Photovoltaik, E-Mobilität, Wärmeerzeugung und Gebäudeautomation miteinander zu verknüpfen und für alle einfach bedienbar zu machen.»


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