
Geneva Health Forum Projekt „Gesunde Raumluft: eine Frage der öffentlichen Gesundheit“. (Quelle: Geneva Health Forum)
Irène Kostenas* / PW
Raumluftqualität im Fokus (Teil 5)
Raumluftqualität ist ein Marathon auf Erfolgskurs. Die Covid-Pandemie hat einen Ruck in der Gesellschaft ausgelöst: Plötzlich wurde für sehr viele Menschen sichtbar und spürbar, dass die Qualität der Raumluft nicht nur ein Komfortthema ist, sondern eine zentrale Frage von Gesundheit, Produktivität und Sicherheit. Weltweit entstand eine beachtliche Welle von Engagement, das bis heute anhält. Knapp sechs Jahre nach Beginn der Pandemie stellen wir drei neue und langfristige Initiativen vor, die aktuell auf der Suche nach Partnern sind.
Internationales Projekt mit nationaler Wirkung
Das Geneva Health Forum [1] des Instituts für Globale Gesundheit der Universität Genf [2] organisierte 2023 die allererste WHO-Europa-Konferenz zur Raumluftqualität in Bern und lancierte im Sommer 2025 das mehrjährige Projekt „Gesunde Raumluft: eine Frage der öffentlichen Gesundheit“ [3].
Dieses Projekt knüpft direkt an die Berner Konferenz an und verfolgt als zentrales Ziel die Verabschiedung einer Resolution der Weltgesundheitsversammlung (WHA), die gesunde Raumluft zur globalen Gesundheitspriorität macht. Eine solche Resolution wird die Raumluftqualität auf die Agenda von 194 Mitgliedstaaten setzen und könnte nationale Gesundheitsbehörden verpflichten, aktiv zu werden – etwa durch gezielte Finanzierung von Forschung, Unterstützung von Fachverbänden und Bürgerinitiativen, Verbesserung bestehender Gesetze oder Erlass von neuen Gesetzen.
Während in der Schweiz und in Deutschland die Raumluft bereits im Arbeitsgesetz geregelt ist, fehlt beispielsweise in Österreich eine vergleichbare gesetzliche Verankerung. Die Raumluft wird im Arbeitsgesetz von Österreich nicht erwähnt.
Dieses Geneva Health Forum Projekt wird von einer Reihe hochrangiger Konferenzen begleitet, die live übertragen, aufgezeichnet und im bewährten Format der ersten WHO-Europa-Konferenz durchgeführt werden. Sie finden in Genf, Rom, Wien, Berlin und weiteren Städten statt. Ärztinnen und Ärzte können an diesen Veranstaltungen teilnehmen und CME-Fortbildungspunkte [4] sammeln.
Nur 12 % der medizinischen Fakultäten weltweit nehmen Luftverschmutzung in ihre regulären Lehrpläne auf [5]. Während die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) bei Neubauten bereits Fortschritte erzielt hat, hinkt die Gesundheitsbranche hinterher. Genau diese Lücke möchte das Projekt schliessen.
Die zweite europäische Raumluftkonferenz des Geneva Health Forum mit Schwerpunkt Schulen fand am 20. Juni 2025 im französischen Senat in Paris statt und wurde von Dr. Kluge, Direktor WHO Europa, eröffnet [6]. Es wurden elf konkrete Empfehlungen formuliert, die öffentliche und private Akteure aufrufen, die Innenraumluftqualität in Schulen zur nationalen Priorität in Frankreich zu machen:
- Sensibilisierung, Schulung und Unterstützung kommunaler Entscheidungsträger
- Verpflichtende Schulung von Lehr- und technischem Personal
- Mobilisierung und Einbindung von Schülern, Eltern und Vereinen
- Kontinuierliches Monitoring der Luftqualität in Schulen
- Systematische Integration der IAQ (Indoor Air Quality) in alle Sanierungs- und Neubauprojekte
- Förderung eines integrierten Energie-Klima-Gesundheits-Ansatzes
- Förderung bioklimatischer Bau- und Sanierungsweisen
- Reduktion interner Schadstoffquellen
- Umsetzung effizienter und kontrollierter Lüftungssysteme
- Aufbau nationaler Netzwerke zum Austausch bewährter Praktiken
- Einsetzung einer parlamentarischen Blitzmission zur Innenraumluftqualität in Schulen
Air Club
Im September 2025 veranstaltete der Air Club [7] eine Konferenz in den Vereinten Nationen in New York zum Thema gesunde Raumluft und veröffentlichte das „Globale Versprechen für gesunde Raumluft“. Dieses Versprechen wurde bisher von zwei Ländern (Frankreich und Montenegro) sowie über 200 Organisationen unterzeichnet. Besonders viel mediale Aufmerksamkeit erhielt die Veranstaltung durch den Auftritt von Violet Affleck (Tochter von Jennifer Garner und Ben Affleck) als Fürsprecherin für gesunde Raumluft, wodurch das Thema weltweit erneut eine grosse Bühne bekam.
Das Globale Versprechen für gesunde Raumluftqualität kann hier unterzeichnet werden: airclub.org
Gemeinsame Dynamik seit Dezember 2025
Beide Initiativen – das Geneva Health Forum und der Air Club – sind strategisch ausgerichtet und nutzen jede Gelegenheit, um die Raumluftqualität sichtbar zu machen: beim World Economic Forum WEF, beim One Health Summit in Frankreich, in der UNO, und bei weiteren kommenden Treffen von Schlüsselentscheidungsträgern. Im Dezember 2025 entschieden beide Organisationen spontan und schnell, ihre Kräfte noch enger zu bündeln. Konkret planen sie gemeinsam eine weitere Konferenz, die im Mai 2026 während der jährlichen Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf stattfinden wird.
Je mehr Länder bereits vor Einreichung eines Resolutionsentwurfs ihre Unterstützung signalisieren, desto grösser sind die Chancen, dass im Mai 2028 eine Mehrheit der WHO-Mitgliedstaaten für eine Resolution für gesunde Raumluft stimmt.
Die jüngsten Fortschritte in der EPBD (EU-Gebäuderichtlinie), besonders bei Neubauten, sind sehr zu begrüssen. Gleichzeitig platzieren Air Club und Geneva Health Forum das Thema bewusst im Gesundheitsbereich – damit Raumluftqualität endlich auch auf die Agenda nationaler Gesundheitsministerien gelangt.
«Es braucht keine Studien im medizinischen Goldstandard, um festzustellen, dass Massnahmen wie Lüften, mechanische Lüftungsanlagen, Luftreiniger, kontinuierliches Raumluft-Monitoring oder optimale Luftfeuchte einen signifikanten Effekt haben.»
Forschung, Pragmatismus und Realismus
Wir brauchen mehr Forschung und damit auch mehr Finanzierung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um offene Fragen zu klären. Gleichzeitig dürfen wir nicht auf bewährte Lösungen warten, bis wissenschaftliche Lücken, wie z.B. wie hoch die Virusmenge sein muss, im infiziert zu werden, angegangen werden.
Ein wichtiger Meilenstein in diesem Sinne war die gemeinsame Konferenz von WHO und CERN im Sommer 2025 [8]. Sie führte zu einem klaren Konsens, der ungefähr so lautet: „Es braucht keine randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) im medizinischen Goldstandard-Format, um festzustellen, dass Massnahmen wie Lüften, mechanische Lüftungsanlagen, Luftreiniger, kontinuierliches Raumluft-Monitoring oder optimale Luftfeuchte einen signifikanten Effekt haben. Es existieren andere, etablierte Studienformate – wie sie seit Jahrzehnten im Ingenieurwesen, in der Gebäudetechnik und in der Arbeitsmedizin verwendet werden.“
Dieser pragmatische Ansatz der WHO und des CERN richtet sich an jene Stimmen aus Spitalhygiene, Infektiologie und damit besonders aus der Medizin, die vor dem Einsatz technischer Lösungen weiterhin ausschliesslich RCTs fordern. Dabei wenden wir bei Fallschirmen, Fahrradhelmen, Brücken, Aufzügen oder Haartrocknern ebenfalls keine RCTs an – weil es andere valide Methoden gibt, die für diese Fragestellungen mindestens ebenso gut geeignet sind.
«Die meisten Atemwegsinfektionen fanden nicht primär durch engen Kontakt, sondern durch mangelhafte Raumluftqualität statt.»
Schweizer Studie, Kanton Bern, 2024 [9]
Eine lesenswerte Schweizer Studie
Eine in der Schweiz durchgeführte Untersuchung zu Infektionsausbrüchen in Schulen [9] kommt zum Ergebnis: Die meisten Atemwegsinfektionen fanden nicht primär durch engen Kontakt, sondern durch mangelhafte Raumluftqualität statt. Das ist bedeutend – wurde doch in der Vergangenheit allgemein davon ausgegangen und beispielsweise im Schweizer Nationalrat ein Vorstoss für CO2-Messgeräte vom Bund mit genau der Begründung abgelehnt, Infektionen kämen hauptsächlich durch engen Kontakt zustande.
Selbst wenn Grippe und Covid-19 gar nicht existierten, wäre gesunde Raumluft unverzichtbar: Zu hohe CO2-Werte beeinträchtigen Konzentration und Leistungsfähigkeit, zahlreiche weitere Schadstoffe belasten die Gesundheit – und wir haben schlicht keine Wahl, ob wir atmen oder nicht.
Entscheidung: Erfolgreiche Zusammenarbeit oder Zynismus und Misserfolg
Man hört gelegentlich die Forderung, aus der WHO auszutreten und Misstrauen dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegenüber. Die Covid-Pandemie hat – berechtigt und unberechtigt – zu vielen Enttäuschungen geführt. Wurden Fehler gemacht? Selbstverständlich und selbstverständlich dürfen wir uns alle gegenseitig kritisieren, aber das war nie ein Grund, um sich komplett abzuwenden, besonders jetzt nicht. Dabei würde man all die hervorragenden Leistungen von WHO, BAG, usw. einfach ignorieren. Wir alle machen Fehler – und wir alle können daraus lernen.
Die Frage ist: Lassen wir uns hängen und jammern, oder krempeln wir die Ärmel hoch und arbeiten weiter? Letzteres ist urschweizerisch – und weit darüber hinaus. Gerade durch Fehlschläge und Beharrlichkeit entsteht Fortschritt, wie wir es bei Flugzeugen, Automobilen oder unzähligen anderen Errungenschaften erlebt haben.
Wenn eine WHO-Resolution in der Schweiz nur schon eine Aufklärungskampagne für die Bevölkerung auslöst, ist ein weiterer wichtiger Meilenstein auf diesem Marathon erreicht. Wir alle tragen Verantwortung, was auch dem Arbeitsgesetz zu entnehmen ist; Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben beide Pflichten. Vom aufgeklärten Bürger, der beim Arbeitgeber einen Vortrag über Raumluft hält und Verbesserungen erreicht, über Menschen, die privat Messgeräte kaufen und zu Hause für gute Luft sorgen, bis hin zu Vereinen, Verbänden, Firmen, Bundesämtern und der WHO – wir alle sind mitverantwortlich für die Luft, die uns am Leben hält. Die Vergangenheit zeigt: Immer dann, wenn alle einen Beitrag leisten, sind wir erfolgreich.
Schweiz
Und genau das demonstrierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit dem im Sommer 2025 veröffentlichten neuen, nationalen Pandemieplan, der unter den NPIs (nicht-pharmazeutischen Massnahmen) luftübertragene Erreger, Raumluftmonitoring und Belüftung enthält [10]. Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz damit vorne und darüber kann man sich schon freuen, aber es ist kein Grund, um sich zurückzulehnen. Im Gegenteil.
Der Schweizer Verein für Luft- und Wasserhygiene (SVLW) und der Kanton Freiburg finanzieren ein Pilotprojekt im Kanton Freiburg, das etwa 900 Schulen umfasst und die Rahmenbedingungen für eine nationale Raumluftkarte ermitteln wird [11]. Das Ziel des SVLW im Bereich Public Affairs ist klar und er befindet sich auf der Suche nach weiteren Finanzierungspartnern für dieses langfristige Projekt, das echte Resultate bringen wird: Alle öffentlichen Gebäude und Schulen sollen Messgeräte einsetzen und die Werte (CO2, Feuchte, Temperatur) gross und sichtbar für alle Raumnutzer im Raum anzeigen (vgl. letztes Bild).
Das Unsichtbare sichtbar machen – das ist der nächste grosse Schritt auf diesem Marathon – auf allen Ebenen – lokal und international. Und er hat längst begonnen.
Autorin
*Irène Kostenas, Unternehmerin, Grünliberale Partei Zürich (Kreis 1+2), Schweizer Verein für Luft und Wasser (SVLW) und Geneva Health Forum (GHF)
Quellen
[1] https://genevahealthforum.com/
[2] https://www.unige.ch/medecine/isg/about-us
[3] https://genevahealthforum.com/improving-indoor-air/
[4] https://flexikon.doccheck.com/de/Flexikon:CME
[5] https://www.who.int/news-room/feature-stories/detail/air-pollution--the-invisible-health-threat
[8] https://iris.who.int/items/9fb7d176-f661-4461-a018-043b8042eedc
[9] https://www.nature.com/articles/s41467-025-66719-3
[10] https://www.pandemieplan.admin.ch/de/infektionskontrolle-nicht-pharmazeutische-massnahmen
[11] https://www.svlw.ch/4331-nationale-innenraumluftkarte-luftqualitaet-sichtbar-machen




